Mit 7,4 Millionen Fahrgästen pro Tag ist die Deutsche Bahn das Rückgrat des öffentlichen Verkehrs. Die gesellschaftliche Bedeutung der DB wächst zurzeit insbesondere vor dem Hintergrund des Klimawandels. Das Unternehmen will die Schiene stärken, denn Bahnfahren ist aktiver Klimaschutz. Damit das gelingt, sind Innovationsfähigkeit und Umsetzungsstärke von zentraler Bedeutung. Wie diese Fähigkeiten in einem Großkonzern wie der Deutschen Bahn etabliert werden können, wird Christa Koenen, CIO DB-Konzern und CEO DB Systel, am 11. September in einem Vortrag auf der solutions.hamburg beschreiben. Im Gespräch mit der mgm-Redaktion gab sie bereits vorab einige Einblicke.

Redaktion: Frau Koenen, die digitale Transformation macht auch vor einem solch etablierten Unternehmen wie der Deutschen Bahn nicht halt. Welche Herausforderungen kommen im Zuge des digitalen Wandels konkret auf die DB zu?

Christa Koenen: Wir sehen in der digitalen Transformation natürlich Herausforderungen, aber vor allem Chancen. Deutschland braucht eine starke Schiene. Davon sind wir fest überzeugt – nicht zuletzt deshalb, weil die Bahn das umweltfreundlichste Verkehrsmittel ist. Zum einen möchten wir im Fernverkehr die Passagierzahl auf 260 Millionen verdoppeln. Zum anderen wollen wir in der Infrastruktur die Netzkapazität um 30 Prozent erhöhen, damit wir sowohl mehr Passagiere befördern als auch den Güterverkehr zunehmend von der Straße auf die Schiene verlagern können. Dies wäre ein großer Beitrag für die Umwelt, die Wirtschaft und Europa. Schließlich fahren wir grenzübergreifend. Wir schauen uns daher an, welche Technologien wir einsetzen können, um diese Ziele zu erreichen. Aber wir fragen uns auch, wie wir die Digitalisierung zu unserer Belegschaft und unseren Kunden bringen können, um dort die besten Benefits herauszuholen.

Redaktion: Welche Rolle spielen DB Systel und die IT allgemein bei der Bewältigung dieser Herausforderungen?

Christa Koenen: In Summe spielt die IT eine wesentlich größere Rolle als früher. Früher wurde die IT vor allem als Kostenfaktor wahrgenommen. Wenn man sich jedoch anschaut, wie die Herausforderungen der Bahn aussehen und was wir uns vorgenommen haben – mehr Züge fahren zu lassen, die Züge deutlich zuverlässiger fahren zu lassen, die Qualität zu erhöhen, mit den Kunden in Echtzeit zu kommunizieren –, funktioniert dies nur mit IT. Nur mit IT kann man Prozesse wirklich automatisieren und vereinfachen. Nur mit IT kann man Daten und Informationen vorausschauend und in Echtzeit verarbeiten und richtig einsetzen, sodass der Bahnkunde letztlich einen Vorteil hat. IT ist daher nicht mehr nur ein Kostenfaktor, sondern ein Businessfaktor. IT ist der Treiber hinter der Digitalisierung und der Transformation der ganzen Deutschen Bahn. DB Systel ist der IT-Dienstleister und eine Art Digitalpartner für die Geschäftsbereiche der Deutschen Bahn. Wir treiben Innovationen. Zudem betreiben wir die Grund-IT und überlegen zusammen mit dem Business, wie wir diese modernisieren sowie alles integrieren und vorantreiben können.

Redaktion: Welche technologischen Transformationen hat die DB bereits initiiert, um sich dynamischer und flexibler für die Zukunft aufzustellen?

Christa Koenen: Eine der größten und spannendsten technologischen Transformationen, an denen wir zurzeit als Deutsche Bahn arbeiten, ist das Projekt „Digitale Schiene Deutschland“, in dem wir die Infrastruktur digitalisieren. Allein durch die Digitalisierung der Schieneninfrastruktur können wir die Kapazität um 20 Prozent erhöhen, ohne auch nur einen Meter neues Gleis gebaut zu haben. Das wäre ein richtiger Impact. Andere Felder, die wir uns anschauen, sind beispielsweise die Themen Datenmanagement, Datenintegration und KI auf Basis von sogenannten Data-Lakes – beziehungsweise einer ganzen Daten-Seen-Kette –, die daraus entstehen. Dies ist in alle Richtungen notwendig und wird auch signifikant in der Kundenkommunikation. Innerhalb des Unternehmens gibt es dafür sehr viele Anwendungsfälle. Zudem hinterfragen wir regelmäßig, wie gut wir Innovationen schon im kleinsten Rahmen fördern und wie wir die ideale Umgebung schaffen, damit sich Teams, die Ideen haben, ausprobieren können. Daher geben wir in verschiedenen Laboren die Möglichkeit, im Spannungsfeld zwischen Geschäft und Technologie zu experimentieren. Dabei sind schon sehr spannende Themen entstanden.

Redaktion: Die Digitalisierung ist nicht nur durch eine technologische Transformation, sondern auch durch einen Wandel von Organisationsstrukturen und Arbeitsweisen gekennzeichnet. Wie tragen Sie diesem Fakt Rechnung – sowohl bei DB Systel als auch im Gesamtkonzern?

Christa Koenen: Da haben Sie völlig Recht. Meines Erachtens ist dies sogar der wichtigere Teil der Digitalisierung. In den klassisch hergebrachten Strukturen sind wir einfach nicht flexibel und schnell genug, um die Digitalisierung wirklich vorantreiben zu können. Bei DB Systel sind wir seit vier Jahren auf dem Weg, eine streng tayloristisch-hierarchische Organisation in eine selbstorganisierte Organisation umzuwandeln. Das ist ein Prozess, der sowohl „bottom up“ als auch „top down“ funktioniert und in dem wir schon recht weit gekommen sind. Von unseren 4.400 Mitarbeitern sind über 3.000 in Teams unterwegs. Diese Teams setzen sich ganz klassisch aus sieben plus/minus zwei Mitarbeitern zusammen und verfügen jeweils über einen Product Owner für das Was und einen Agility Master für das Wie. Da auf diese Weise ungefähr 500 bis 600 Teams entstehen, können wir die Hierarchie nicht komplett flach umsetzen, sondern brauchen für die Steuerung eine gewisse Clusterung in Einheiten, die nach fachlich-thematischen Gesichtspunkten organisiert werden. Es ist ein enorm spannender Prozess der Selbstorganisation, viel Verantwortung in die Teams, die die Arbeit machen und tatsächlich die Experten sind, zu geben. Dies hat in den letzten Jahren extrem viel Energie freigesetzt, die wiederum in durch die IT initiierte Innovationen und Verbesserungen für das Business geflossen ist. Ich würde allerdings niemals sagen, dass das zu allen Bereichen im Konzern oder zu jedem Unternehmen passt. Man kann sich viele Aspekte anschauen und überlegen, wie man sie überträgt. Aber ich glaube nicht, dass beispielsweise der stark regulierte Betrieb des Schienennetzes eins zu eins das übernehmen sollte, was wir hier in der IT tun. Wenn Sie sich aber mal angucken, wie die Grundkonzepte der Agilität und der Selbstorganisation aussehen, und diese mit den Grundkonzepten des Lean Managements vergleichen, werden Sie viele Ähnlichkeiten entdecken. Die Deutsche Bahn setzt natürlich auch auf Lean Management, sodass an diesem Punkt eine Möglichkeit besteht, die Transformation im Gesamtkonzern mit voranzutreiben.

Redaktion: Am 11. September werden Sie auf der solutions.hamburg einen Vortrag zu Ihren Erfahrungen halten. Welche Kernbotschaften möchten Sie den Besuchern dabei gerne vermitteln?

Christa Koenen: In meinem Vortrag „Eine starke IT für eine starke Schiene“ möchte ich darauf eingehen, wie sich die Rolle der IT im Rahmen der Digitalisierung verändert. Was braucht das Business von der IT, um die Digitalisierung der Deutschen Bahn mitzugestalten? Wie muss man sich organisieren, um die nötigen Technologien einzuführen, die Use Cases zu finden und für den Kunden einen Mehrwert zu schaffen? Ein zweiter großer Aspekt wird sein: Wie müssen wir als IT und als Business arbeiten? Welche Prozesse und Arbeitsweisen müssen sich verändern? Wie muss sich die Organisation wandeln, um tatsächlich ans Ziel zu kommen, mit mehr Bahn mehr Klimaschutz zu erreichen und die Mobilität der Zukunft zu gestalten?

Redaktion: Und was erhoffen Sie sich persönlich von der solutions.hamburg 2019?

Christa Koenen: Ich glaube, dass eine Konferenz, in der man sich auf IT fokussiert und trotzdem der Mensch im Mittelpunkt steht, das ist, was wir gerade heute brauchen. Denn am Ende sind die Menschen, mit denen wir arbeiten, mit denen wir und für die wir IT machen, der Schlüssel zum Erfolg. Ich freue mich darauf, in einer entspannten Atmosphäre zu berichten, was wir bei der Bahn alles machen, wie facettenreich die IT bei der Bahn sowie die Chancen und Herausforderungen sind, mit denen wir zu tun haben. Damit hoffe ich durchaus, den einen oder anderen Besucher ein bisschen überraschen zu können.