Die Digitalisierung fordert Frank Roth, CIO der Klosterfrau Healthcare Group, an verschiedenen Stellen heraus. Zum einen muss er die Frage beantworten, wie sich ein Traditionsunternehmen mit 192-jähriger Geschichte in Zeiten des digitalen Wandels neu positionieren lässt. Zum anderen muss er als IT-Leiter eines Pharmakonzerns bei allen digitalen Initiativen auch die regulatorischen Vorgaben im Blick behalten. Über seine Erfahrungen in diesem Spannungsfeld berichtet Frank Roth am 12. September auf der solutions.hamburg. Im Interview  gewährt er erste Einblicke in seine Arbeit.

Redaktion: Herr Roth, Sie werden auf der solutions.hamburg 2018 einen Vortrag zur Frage „Wie können Tradition und Digitalisierung vereint werden?“ halten. Können Sie sich und Ihre Position innerhalb der Klosterfrau Healthcare Group kurz vorstellen?

Frank Roth: Ich bin in der Klosterfrau-Gruppe für die IT verantwortlich. Das Unternehmen wurde 1826 gegründet – wir haben also 192 Jahre Firmengeschichte auf dem Buckel. Wir sind ein innovatives und modernes Unternehmen. Tradition heißt ja nicht, dass man konservativ ist und die Themen Moderne und Innovation ausschließt. Bekannte Marken unserer Unternehmensgruppe sind neben dem Klosterfrau Melissengeist, den wahrscheinlich viele kennen werden, neo-angin, Nasic oder auch taxofit. Zu uns gehören aber auch die Gruppe Maria Galland mit ihrer hochwertigen Kosmetik oder die Sweeteners mit der Marke ASSUGRIN.

Redaktion: Wie würden Sie den aktuellen Stand der Digitalisierung in der Pharmaindustrie beschreiben?

Frank Roth: Die Digitalisierung hält natürlich in allen Branchen Einzug. In der Pharmabranche ist sie allerdings aufgrund des regulierten Umfelds gedämpfter und mit weniger Geschwindigkeit zu spüren. Nichtsdestotrotz sieht man auch im Gesundheitsmarkt, dass es erste Veränderungen in Richtung Digitalisierung gibt. Ein Beispiel lässt sich im Feld der Krankenkassen beobachten: Aufgrund des Ärztemangels in ländlichen Regionen ist es mittlerweile möglich, Online-Arztbesuche durchzuführen. Die Wertschöpfungskette der Beteiligten greift das Thema somit stärker auf als in der Vergangenheit. Für uns bedeutet das, dass wir uns auch intern viel intensiver mit der Digitalisierung beschäftigen müssen. Dabei haben wir gerade unsere Prozesse, Arbeitsabläufe und Arbeitsweisen im Fokus, denn diese sind die Voraussetzung, um zu Ideen und Digitalisierungsansätzen in unserem Business zu kommen.

Redaktion: Welche Herausforderungen werden in den kommenden Jahren auf die Pharmabranche im Allgemeinen und Klosterfrau im Speziellen zukommen?

Frank Roth: Ich glaube, dass wir als Pharmabranche das Thema Digitalisierung in alle Richtungen verfolgen müssen. Es lässt sich beispielsweise feststellen, dass zurzeit Firmen aus der Technologiebranche in das Feld hineinstoßen, die eigentlich nicht aus der Pharmaindustrie kommen. Ein Beispiel ist Google Lens, mit dem man mittels einer Linse Messwerte für Zuckerkranke aufnehmen kann. Man kann sich vorstellen, was mit diesen Messreihen und all den Daten, die man dabei in hoher Qualität sammelt, im Hinblick auf die medizinische Versorgung und Studien möglich ist. Für uns sind diese Felder einerseits interessant, aber wir werden andererseits auch damit konfrontiert, dass Nischenplayer, die nicht aus der Pharmabranche stammen, in dieses Feld vorstoßen.

Daneben gibt es weitere interessante Einsatzfelder. Eines ist ein Pflaster mit einem Sensor, das sehr interessant für Parkinson-Patienten ist und für das in diesem Feld auch schon Einsatzszenarien existieren. Das Pflaster misst den Ausschlag des Patienten und kann den Wirkstoff somit sehr gezielt dosieren. Gleichzeitig sind die Messwerte an den Arzt übermittelbar. Auf diese Weise ist eine individuelle Therapie viel intensiver und ausgereifter möglich. Die Qualität im Gesundheitswesen kann von der Digitalisierung daher enorm profitieren.

Redaktion: Müssen Pharmaunternehmen demnach in Zukunft Meister im Umgang mit Daten und digitalen Technologien sein?

Frank Roth: Informationen sind das Öl der Zukunft, wie man so schön sagt. Big Data wird sicherlich eine Rolle spielen. Bezogen auf das Beispiel mit dem Pflaster und dem Sensor kann man sich ausmalen, welche Potenziale in Forschung und Entwicklung stecken. Es gibt bereits erste Versuche, die meistens in Amerika forciert werden – zum Beispiel das Apple Research Kit. Indem klinische Studien digital durchgeführt werden, können sie mit einer viel größeren Streubreite – sprich: einer höheren Anzahl an Patienten – realisiert werden. Die Datenerhebung und -erfassung ist für den Patienten zudem viel komfortabler. Auf diese Weise kommt man zu einer größeren Anzahl an repräsentativen Daten – und diese gehen mit einer besseren Qualität und Entwicklung von Medizin einher.

Darüber hinaus haben wir heutzutage sowohl im B2B- als auch im B2C-Umfeld viel mehr Möglichkeiten, Kundeninformationen zu generieren. Dies hilft uns, die Kundenbedürfnisse besser kennenzulernen und den sogenannten 360-Grad-Blick auf den Kunden zu bekommen. Dies sind Initiativen, die wir auch intern verfolgen. Insofern glaube ich, dass Informationen und die Fähigkeit, aus den Informationen die richtigen Rückschlüsse zu ziehen und digitale Ansätze zu generieren, in der Zukunft zentral sein wird. Für uns wird wichtig sein, auch im Hinblick auf die Regulierung der Branche zu analysieren, wie wir unsere Produkte soweit mit digitalen Services ergänzen können, dass wir für den Patienten einen Mehrwert neben dem eigentlichen Produkt schaffen.

Redaktion: Verändert sich die Rolle der Klosterfrau-IT somit durch die Digitalisierung?

Frank Roth: Ja, die Rolle hat sich für uns als IT in jedem Fall bereits geändert. Weil es für uns zum Kerngeschäft gehört, sind wir in das Thema schon sehr viel früher eingestiegen. Wir haben zum Beispiel 2015, als wir eine Niederlassung in Polen eröffnen wollten, das Büro schon komplett als Cloud-Office ausgestattet. Auf diese Weise haben wir einen ersten größeren Einstieg in das Thema Cloud unternommen.

Wir sehen unsere Rolle als Business Enabler. Zwar haben wir auch ein Rechenzentrum und einen eigenen Betrieb, aber die entscheidende Frage ist: Wie können wir das Business enablen? Für unsere Mitarbeiter bedeutet dies natürlich ein verändertes Aufgabenverständnis. Wenn wir beispielsweise in die Cloud gehen, verändert sich die Aufgabe. Betriebs- und Administrationsaufgaben fallen stärker weg. Dies bedeutet, dass wir viel stärker in die Beratung von Prozessen und Lösungen einsteigen können. Der Anspruch an uns hat sich somit ein Stückweit erhöht, weil wir viel businessorientierter denken und die Paarung Business & IT von der technischen Seite unterstützen müssen. Dadurch hat sich der Anspruch zwar gesteigert, aber die Aufgaben sind nicht uninteressanter geworden.

Wir profitieren sehr stark vom frühen Einstieg in die möglichen Felder. Da wir diese Strategien und Konzepte mit großer Beteiligung unserer Teamleader und Mitarbeiter vorangetrieben haben, ist der Change kein Hemmschuh.

Redaktion: Wie nehmen Sie Ihre Mitarbeiter in diesem Prozess mit und welche Rolle spielt das Change-Management dabei?

Frank Roth: Die IT haben wir – wie eben bereits erwähnt – relativ früh auf die Reise mitgenommen, indem wir sie in die Hinterfragung, wie wir uns wo positionieren müssen, einbezogen und auch um Input gebeten haben. In der Unternehmensgruppe verfolgen wir viele verschiedene Initiativen: angefangen beim Cloud-Einstieg über das Ziel, das mobile Arbeiten und die Kollaboration zu erleichtern, was auch zu neuen Tools geführt hat, bis hin zu der Absicht, Prozesse und Abläufe so zu verschlanken und zu digitalisieren, wie das für unser Unternehmen sinnvoll und nutzbringend ist. Um ein paar Beispiele zu nennen: Wir haben damit begonnen, unsere Telefonielösung komplett auf eine Unified Communication Solution umzustellen, die nicht nur das Telefon, sondern auch das Chatten, die Videotelefonie oder die Möglichkeit, Meetings abhalten zu können, beinhaltet – und das von jedem Ort der Welt aus, auch vom Home Office. Diese Technologie bringt natürlich eine neue Arbeitsweise mit sich, in der der Change sehr wichtig ist. Denn Digitalisierung heißt: Wir verändern Arbeitsweisen, wir verändern Prozesse, wir führen neue Anwendungen ein. Bei solch großen Veränderungen wie Unified Communication oder anderen Projekten wie unserer ERP-Konsolidierung oder der Talent Suite im HR-Bereich ist Change-Management daher extrem wichtig.

Redaktion: Sie werden am 12. September auf der solutions.hamburg sein und dort auch einen Vortrag halten. Was erhoffen Sie sich persönlich von diesem Besuch?

Frank Roth: Ich freue mich auf den Austausch mit Kollegen aus anderen Branchen und hoffe, aus deren Erfahrungen einige wertvolle Impulse und Learnings zu generieren. Darüber hinaus fände ich es schön, den einen oder anderen Kollegen in mein Netzwerk aufnehmen zu können, um auch über die Veranstaltung hinaus Möglichkeiten zum Austausch zu finden. Hierfür ist die solutions.hamburg eine hervorragende Plattform.