Mensch und Maschine: Wer programmiert wen? Ranga Yogeshwar als Keynote Speaker auf der solutions.hamburg

Ranga Yogeshwar – Wissenschaftsjournalist, Diplom-Physiker und Autor – ist vor allem aus seinen zahlreichen Fernsehsendungen (u.a. Quarks, W wie Wissen und Globus) seit vielen Jahren einem großen Publikum bekannt. Ihm wurden für die allgemeinverständliche Vermittlung der Naturwissenschaften zahlreiche Preise verliehen. Der ehemalige FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher sagte über ihn: „Er ist ein einzigartiger Übersetzer von Wissenschaft in Sprache und mehr noch, er hat die besten Tugenden der Wissenschaft in den Journalismus importiert.“

So war es eine besondere Freude, ihn als Keynote Speaker des Strategy Days auf der solutions.hamburg zu hören. In einem äußerst kurzweiligen Vortrag zum Thema „Mensch und Maschine“ widmete er sich über 45 Minuten dem Thema Digitalisierung und den Folgen für die Menschen und ihr Zusammenleben. Wie hat uns der technologische Fortschritt bereits verändert? Wohin werden wir uns in den nächsten Jahren voraussichtlich entwickeln? Wo liegen Chancen und Risiken?

Die wahre Qualität der Digitalisierung liegt darin, dass die Grenzkosten der Distribution kollabieren.

Ranga Yogeshwar gewährte Einblicke und Antworten:
Die Digitalisierung hat in den letzten 10 Jahren zu einer massiven Veränderung von Prozessen geführt. Disruptive Technologien eliminieren nach und nach alles, was zu umständlich erscheint. Die mühsame Kommunikation mit der Taxizentrale wird durch Dienste wie Uber und mytaxi ersetzt. Viele Prozesse werden auch völlig entmaterialisiert, beispielsweise wird Musik nicht mehr auf Schallplatten gepresst, sondern gestreamt. Die wahre Qualität der Digitalisierung liegt darin, dass die Grenzkosten der Distribution kollabieren.

Kommunikation und Medien

Aber auch die Topologie der Kommunikation ändert sich. Früher sprach man von „Zuschauern“ und „Zuhörern“, was eine gewisse Passivität impliziert. Es gab den Produzenten und den Konsumenten. Zukünftig werden alle gleichermaßen zum Sender, alle sind Produzenten. In den sozialen Medien senden einzelne so stark, dass sie zum Massenmedium werden. Man denke nur an den amerikanischen Präsidenten oder – in abgeschwächter Form – einige der Top-„Influencer“.
Wenn aber jeder zum Sender wird, kehrt sich folglich auch die Flussrichtung von Information um. Aus einem Tweet wird eine Schlagzeile und dann eine ganze Nachrichtensendung, die mediale Welt wird auf den Kopf gestellt. Ranga Yogeshwar merkt an, dass die Abkehr von einem einzelnen Sender hin zu einem System, wo alle Sender sind, teils tiefgreifende, religiöse Aspekte betrifft: die Idee, dass es „den einen da oben gibt“, geht verloren. Der Erzengel Michael als der, der über Himmel oder Hölle entscheidet, sei ein Grundgedanke, der seit Jahrhunderten tief in uns verankert ist. „Wir schauen immer nach Institutionen, nach etwas da oben, wir brauchen immer jemanden dazwischen.“ Dementsprechend benötigen wir Banken für überweisungen, Notare für Grundstückskäufe und Verleger, die entscheiden, welche Informationen gedruckt werden und welche nicht. Für die Zukunft erwartet der Wissenschaftsjournalist, dass all diese Intermediäre zunehmend abgelöst werden durch andere Verfahren wie z. B. Blockchain. Die Prozesse werden sich grundlegend verändern.

Doch dieses neue System der Kommunikation bringt nach Meinung Yogeshwars auch eine Gefahr mit sich: In diesem Kommunikationsprozess können Behauptungen aufgestellt werden, die nicht zu verifizieren sind, entweder von Einzelnen oder von Plattformen, die nicht zu belangen sind, sogenannten Scheinmedien. Dies sei derzeit bereits in Ländern wie den USA zu beobachten, wo ein Nebel von Fake News existiere, der in zunehmender Weise alle anderen Elemente der Demokratie einhüllt.

Yogeshwar plädiert dafür, dass eine Gesellschaft sorgsamer mit der Kultur der Medien umgehen sollte, wenn sie sich nicht entmündigen lassen wolle.

Das MIT hat festgestellt, dass Fake oder False News 6-mal schneller 1500 User erreichen als wahre Nachrichten („How lies spread“, Science 3/2018). Berücksichtigt man zusätzlich, dass durch die Ökonomisierung der Medien besonders die Beiträge, die häufig geklickt werden, in den Vordergrund geschoben werden, erklärt sich der fruchtbare Nährboden für Fake News. Sie sind interessant aufgemacht, werden dadurch häufiger angeklickt und dadurch schneller verbreitet.

Aber Medien sind etwas anders als eine Schuhcreme. Yogeshwar plädiert dafür, dass eine Gesellschaft sorgsamer mit der Kultur der Medien umgehen sollte, wenn sie sich nicht entmündigen lassen wolle. Als Enkel der Aufklärung sollten wir alle dafür plädieren, dass Fakten noch eine Rolle spielen und wir nicht im Nebel der Illusionen untergehen. Gerade erst erwächst ein Bewusstsein dafür, dass soziale Netzwerke wie Facebook, Twitter und Co. offenbar fruchtbare Nährböden für etwas sind, was nicht unbedingt der Wahrheit entspricht.

Künstliche Intelligenz

Digitalisierung ist natürlich nicht ohne IT zu denken. Eine zentrale Rolle spielt dabei die künstliche Intelligenz. Bedingt durch die immensen Fortschritte in der Technik steigt die Rechnerleistung sprunghaft an. Dies ermöglicht erstmals das Abbilden neuronaler Netze außerhalb lebender Organismen durch einen Computer. Sie lernen das zu tun, worin unser Gehirn extrem gut ist: das Erkennen von Mustern und das Ableiten von Abstraktionen. Erstmals gibt es Bereiche, in denen sie besser sind als das menschliche Gehirn, sei es beispielsweise Schach oder das Brettspiel Go. Aber auch in anderen Bereichen werden sie uns schnell überholen, wie zum Beispiel beim übersetzen von Sprachen, ist Yogeshwar überzeugt.

In Kürze wird man eine Hotline anrufen und hinterher sagen: „Die Beratung lief jetzt so schnell und so kompetent ab, das muss eine Maschine gewesen sein.“

Mittlerweile existieren Sprachassistenten, die weitaus realistischer als Alexa & Co. Pizza bestellen und Tische im Restaurant reservieren können und dabei individuell und situativ auf den Gesprächspartner eingehen. Dabei sind die Gesprächsbeiträge schon heute so real, dass dem menschlichen Gesprächspartner am Telefon nicht klar wird, ob sich am anderen Ende ebenfalls ein Mensch oder eine Maschine befindet. In Kürze wird man eine Hotline anrufen und hinterher sagen: „Die Beratung lief jetzt so schnell und so kompetent ab, das muss eine Maschine gewesen sein.“

Yogeshwar weist zu Recht darauf hin, dass sich völlig neue Fragestellungen ergeben, wenn der Computer nicht mehr vom Menschen zu unterscheiden ist: Muss sich der Computer als solcher zu erkennen geben? Wie kann der Mensch wissen, ob er mit einem Menschen oder einem Computer spricht? Muss er dies wissen? Wer ist verantwortlich für das Handeln der Maschine, wer haftet? Es müssen völlig neue rechtliche Rahmenbedingungen geschaffen werden und auch geklärt werden, wie diese durchzusetzen sind.

Das persönliche Buch

Spannend wird es aus seiner Sicht vor allem in Bereichen, wo unterschiedliche Disziplinen verschmelzen, beispielsweise Biologie, Software und Elektronik. Yogeshwar entwickelt dafür in einem eindrucksvollen Beispiel das Buch der Zukunft: Es wird ein eReader sein, da sich die Distribution von gedruckten Büchern nicht mehr lohnt. Die Reader der nächsten Generation haben eine integrierte Kamera, die mittels Eye Tracking automatisch weiterblättert, wenn man am Ende der Seite angekommen ist. Der Leser wird also beobachtet. Eye Tracking wird auch dazu führen, dass Internetwerbung zukünftig nur noch bezahlt werden wird, wenn sie auch tatsächlich angeschaut wurde.

Es existieren bereits schon jetzt Kameras, die außerdem die Pupillendilatation, die Erweiterung der Pupillen, messen, wenn wir etwas Aufregendes erleben. Das Buch, das wir lesen, kann damit aufgrund des Monitorings durch die Kamera optimiert werden. Immer, wenn die Kamera durch die Pupillendilatation feststellt, dass der Leser auf das Gelesene besonders anspricht, kann der Fortgang des verbleibenden Teils des Buches entsprechend angepasst werden. Das Buch wird immer persönlicher, es wird individuell für den Leser geschrieben.

Eye Tracking wird auch dazu führen, dass Internetwerbung zukünftig nur noch bezahlt werden wird, wenn sie auch tatsächlich angeschaut wurde.

Yogeshwar spinnt diesen Faden weiter und erwartet, dass wir Bücher zukünftig – bewusst oder unbewusst – auch lesen, um Krankheiten zu erkennen. Nach einigen Kapiteln ruft uns das Buch dann vielleicht an und teilt uns mit, dass es gewisse Auffälligkeiten gebe und es bereits einen Termin bei einem Neurologen vereinbart habe. Der Termin sei bereits im Kalender eingetragen. Das Buch ist kein normales Buch, es ist ein Diagnosetool eines Pharmakonzerns, welches anhand von Augenbewegungen, Mikrorhythmen etc. erste Anzeichen von Parkinson erkennt. Was wie ferne Zukunftsmusik klingt, ist bereits weitgehend Realität. Mittels der Parkinson‘s Voice Initiative kann bereits heute anhand der Stimme mit einer 98%igen Wahrscheinlichkeit vorhergesagt werden, ob jemand zukünftig an Parkinson erkranken wird.

In Anbetracht der unzähligen Anwendungsmöglichen der Digitalisierung im medizinischen Bereich überrasche es nicht, dass Konzerne wie Google und Amazon hier immense Investitionen tätigen. Wer die meisten oder die besten Daten hat, werde das Rennen gewinnen. Digitalisierung bedeute daher auch, dass einzelne Unternehmen sehr groß werden, denn viele kleine Datenmengen machten in Zeiten der Digitalisierung keinen Sinn.

Daten und Verantwortung

Yogeshwar plädiert dafür, sich darüber Gedanken zu machen, was der technologische Fortschritt für die Menschheit bedeutet? Wie gehen wir mit den Daten um? Wir installieren Mikrofone und Kameras und lassen uns freiwillig von Internetkonzernen überwachen. Google und Amazon melden gleichzeitig Patente darüber an, Stimmungen und Streit aus Gesprächen herausfiltern zu können. Der heutige Umgang mit privaten Daten sei zu einer absoluten Farce verkommen. Seit dem Skandal um Cambridge Analytica sei zu erkennen, dass soziale Netzwerke auch das Potenzial haben, zur Manipulation im demokratischen Sinne eingesetzt zu werden.

Aufgrund der Entwicklungsgeschwindigkeit der Technologie – so ist seine Befürchtung – können Demokratien leicht beginnen zu wackeln, bevor wir uns der Gefahr wirklich bewusst geworden sind. Wir sollten darüber nachdenken, wer die Gewinner und die Verlierer des Fortschritts sind.

Technologischer Fortschritt in Händen von Demokratien mag zwar noch funktionieren, aber nicht überall auf der Welt herrscht Demokratie.

Es gäbe viele in der Gesellschaft, die nicht mehr wissen, wo ihr Platz in der Zukunft sei. In anderen Ländern sei die Veränderung bereits zu spüren. Wie lange ist ein Land noch eine Demokratie? Technologischer Fortschritt in Händen von Demokratien mag zwar noch funktionieren, aber nicht überall auf der Welt herrscht Demokratie. Was wird der Rest der Welt mit den Möglichkeiten der Digitalisierung anstellen?

Zum ersten Mal überhaupt sind die Kommunikation und der Wissensstand auf der ganzen Welt symmetrisch. Mit einem Internetanschluss – vorausgesetzt, er ist nicht zensiert – habe man in Mumbai die gleiche Information wie in Berlin. Das bietet Risiken, aber auch Chancen. Was es aber erfordert, ist eine neue Haltung des Menschen der Technik gegenüber. Ranga Yogeshwar führt den Satz Pablo Picassos an, der gleichermaßen als Leitgedanke für unseren Weg in eine neue digitale Welt gelten kann:

Das ist das Wesenhafte des modernen Menschen,
der in aller Angst des Loslassens,
doch die Gnade des Gehaltenseins
im Offenwerden neuer Möglichkeiten erfährt.
(Pablo Picasso)

 

Herzlichen Dank an Ranga Yogheshwar für diese inspirierenden Gedanken über eine sehr nahe Zukunft!